Fernsehreportage

Die Fernsehreportage

Themen:

–          Reportage als Genre-Form

–          Kriterien der Reportage

–          Was nicht in eine Reportage gehört

–          Kamera und Schnitt in der Reportage

–          Ton in der Reportage

–          Anfang

–          Struktur und Spannung

–          Rote Fäden

–          Räume

–          Text

–          Inhalte

–          Kompakte Reportagehilfen

Reportage als Genre-Form

  • Die Reportage ist die „subjektivste“ Genre-Form. Hier kann der Autor persönliche Eindrücke und Ansichten äußern. Im Portrait z.B. geht das nicht. Im Portrait interessiert vor allem das Innenleben eines Menschen. Was denken und fühlen sie, was haben sie in ihrem Leben bewegt und wie sind sie dahin gekommen, wo sie nun sind?

Kriterien für eine Reportage

  • Der Zuschauer soll in die Lage versetzt werden, als wäre er direkt dabei!
  • Szenen müssen zu Ende erzählt werden – filmisch.
    Das Ende einer Szene ist das Wichtigste. Man kommt sehr leicht in eine Szene rein, Problem ist meist das Rauskommen. Hat man beim Rauskommen ein Problem, kann ein Geräusch helfen (z.B. Tür geht zu etc.), das eine Sequenz beendet. Ebenso können auch neue Sequenzen angebahnt werden.
  • Je länger Sequenzen in Realzeit (1:1, ohne Schnitt) erzählt werden, um so intensiver „erlebt“ der Zuschauer die Situation.

Was nicht in eine Reportage gehört

  • In eine Reportage gehören keine Tricks und folgende Elemente:
    Zeitlupe, Zeitraffer
    Blenden
    Zufahrten, Aufzieher
  • Möglichst keine klassischen Zwischenschnitte verwenden
  • „Künstliche“ Musik, die nicht aus der Situation kommt, sollte, wenn nicht tabu, dann aber sehr genau überlegt sein
  • Parallelhandlungen funktionieren in Reportagen schlecht oder gar nicht. Es ist sinnvoll bei einer Situation zu bleiben.
  • Außeneinstellungen von Drehorten nur, wenn sich die Personen innerhalb einer Sequenz an einen Drehort annähern und man aus ihrem Blickwinkel die Außeneinstellung sieht.
    Wichtig ist es eine konsequente Erzählperspektive einzuhalten.

Kamera und Schnitt in der Reportage

  • Reportagekamera ist eine Gradwanderung zwischen technischer Perfektion und der Abbildung der Stimmung in der Situation
  • Weitwinkelige Einstellungen wählen:
    1. um Tiefenschärfe zu haben
    2. um Kamera auch ohne Stativ ruhig halten zu können
    3. ein Mensch schaut nicht telig
  • Die Kamera sollte bei der Reportage möglichst nah an der Handlungsachse sein. Rutscht sie zu weit davon weg, wird der Zuschauer schnell zum Beobachter.
  • Nicht in die Beobachterrolle begeben. Der Zuschauer muss dabei sein. Deshalb „Dreieckspositionen“ zwischen Kamera, Protagonist und Gegenspieler vermeiden.
  • Am Anfang einer Sequenz mit unbekannter Szenerie muss ein Raumgefühl vermittelt werden. Das funktioniert z.B. durch Gänge, durch eine Drehung [z.B. beim Tanzen].
  • Bewegungen mit der Kamera durch Barrieren (z.B. durch Türen) kommen gut an und lassen den Zuschauer etwas erleben à gut geeignet für Reportagen.
    Man sollte sich den Situationen annähern und dem Zuschauer z.B. keine Türen vor der Nase zu machen.
  • Den Personen nicht zu nahe kommen. Die Fluchtdistanz sollte nicht unterschritten werden. Nicht in Kuss- oder Schlagnähe kommen.
  • Die Kamera ist auf Augenhöhe des Protagonisten oder des Gegenspielers. Nicht die Perspektive wechseln (zumindest nicht unbegründet).
    Die Herausforderung der Hauptperson legt die Handlungsachse fest (z.B. Straßenmusiker sitzend ßà Zuschauer stehend
  • Nicht rückwärts vor den Leuten hergehen. Entweder hinter den Leuten oder „subjektiv“ vor den Leuten, mit Seiten- und Rückblicken.
  • Der Autor muss dem Kameramann bedeuten was er machen soll. Dazu muss er sehr genau das Umfeld beobachten, muss Wege frei machen und den Kameramann auf die ausgemachte Art und Weise „führen“.
  • Schnitttyp bei einer Reportage ist der Bewegungsschnitt.
  • Zwei Sequenzen lassen sich durch folgende Elemente verbinden:
    1. „Natürliche“ Musik (Bsp. Musik aus dem Tanzsaal lappt über ins Klo und schafft so den Raumeindruck, dass beides dicht beisammen liegt)
    2. Bewegungsschnitte
    3. in dem man sich von einer Situation entfernt

 Ton in der Reportage

  • Um Raumübergänge zu schaffen à Atmo vorziehen. (Bsp. Musik aus dem Tanzsaal lappt über ins Klo und schafft so den Raumeindruck, dass beides dicht beisammen liegt).
  • Um Lautstärke darzustellen, müssen die Geräusche vorher ganz leise sein.
  • Geräusche von jedem Drehort aufnehmen (mind. 1 min.).
  • O-Töne in Richtung Atmosphäre steuern, Analyse und Information kann im Text erfolgen.
  • O-Töne, wenn sie schon gestellt sind, mitten in eine Szene setzen. Danach läuft die Szene weiter.
  • O-Ton-Fragen stets auf die Situation beziehen. Keine „journalistischen“ Fragen stellen.
  • Die gestellten O-Ton-Fragen nur drin lassen, wenn der Reporter eine dramaturgische Rolle spielt.
  • O-Töne durch an- und wegschwenken in die Situation einbeziehen.
  • Keine langen Interviews machen. Leute nehmen dann meist eine statische Position ein. Statische Positionen von vorn herein vermeiden (z.B. am Tisch sitzend). Besser die Leute wöhrend einer Aktion befragen – und dort am Punkt der höchsten Konzentration (z.B. Arzt im Moment in dem sie die Spritze setzt). Anschließend keine weitere Frage stellen, die Leute am Arbeiten halten. Das kann man machen, indem man sich wegdreht, mit dem Kameramann spricht, auf einen Zettel schaut…
    Wichtig ist die Wege frei zu halten, damit der Protagonist machen kann was er will.
  • Die gleichen Fragen in verschiedenen Situationen stellen. Dabei die Frage anders formulieren.
  • Sollte man andere Leute befragen, müssen sich die Fragen auf die Hauptperson beziehen.

Anfang einer Reportage

  • Der Anfang einer Reportage muss auf´s Ende zielen. Das bedeutet, zu Beginn wird ein Versprechen gegeben, das im Lauf des Films gehalten werden muss.
  • Zuschauer muss gleich das Gefühl haben, an einer Situation teilzunehmen.
  • Es ist möglich, und manchmal auch sinnvoll, nicht mit der Hauptfigur in die Geschichte einzusteigen, sondern mit Gegenspieler bzw. Herausforderung. Erst dann wird die Hauptfigur eingeführt.
  • Wichtig für den Anfang einer Reportage ist ein knalliger Atmo-Einstieg (Bsp. Ferienanimateur schreit die Leute an). Dadurch werden die Zuschauer emotional angesprochen und fühlen sich als seien sie dabei. Die Geräusche müssen charakteristisch sein. Der Zuschauer sollte etwas bestimmtes damit verbinden.
  • Es ist wichtig gleich zu Beginn einen Ort zu etablieren. Im Bsp. Animateur kreist die Kamera und zeigt so die gesamte Szenerie. Durch die bewegte Kamera sind keine Schnitte nötig, es gibt keine Achssprünge. Filmzeit = Realzeit.

Struktur und Spannung

  • Die Hauptfigur muss eine Veränderung erfahren. Dabei muss sie sich nicht wirklich verändern, sie muss sich nur in der Vorstellung des Zuschauers verändern.
  • Im Notfall funktionieren 2 Hauptfiguren, die nicht parallel laufen, sondern sich immer abwechseln.
  • Die Sequenzen innerhalb einer Reportage müssen einer sinnvollen Reihenfolge unterliegen (u.a. auch dem Tagesablauf). Die Sequenzinhalte sollten sich dabei steigern.
  • In den Sequenzen müssen Handlungs- und Gefühlsbogen zu einem Ende kommen
    z.B. Kälbchen kraulen à Kälbchen ist satt à Handlung des Fütterns ist vorbei
    länger kraulen à Gefühl kommt runter, es kann etwas Neues anfangen
  • Es gibt verschiedene Möglichkeiten einer Reportage eine Struktur zu geben:
    1. Pflichtenliste à 5 Jobs müssen heute erledigt werden. Schaffen sie das? Gleichzeitig ist eine Herausforderung installiert.
    2. Ökonomische Erzählweise à die wievielte Station ist es, wieviel Geld haben sie gesammelt, wieviel brauchen sie noch, wieviel Zeit bleibt?
    3. Reporter als Textperson oder sogar im Bild (fast immer ist es besser den Reporter nur als Textperson zu haben)
    im Falle einer verfilmten Recherche, investigativen Geschichten, Selbstversuche, komplizierte Orte (große Distanzen, Barrieren)

Rote Fäden

  • In einer Reportage braucht es unbedingt Handlungsabläufe. Diese sind an Personen geknöpft (zumindest an den Reporter [im Zweifel nur als Textperson]).
  • Entscheidend für das Miterleben einer Sequenz sind zwei rote Fäden:
    Zeit (es muss klar sein wie lang die Dinge dauern; die Rede ist dabei von Filmzeit, die nicht mit der Realzeit übereinstimmen muss)
    Raum (der Filmraum muss dem Zuschauer klar sein; wo befinden sich die einzelnen Spielorte zueinander; auch hierbei muss der Raum nicht real sein. Achssprünge zerstören den Filmraum, bzw. das Raumgefühl, deshalb keine Achssprünge in Reportagen)
  • Bewegungen (Kamera- oder Objektbewegungen) können Raumverbindungen schaffen. Die müssen nicht stimmen, aber einen Filmraum aufbauen.
    Zwischenschnitte können dieses Raumgefühl zerstören.

Räume

  • In jeder neuen Szenerie muss ein Raumgefühl etabliert werden.
  • Ist ein Raum eingeführt, kann man (zumindest eine Zeit lang) zwischen den Räumen hin und her springen.
  • Bei Ortswechseln, die unvermittelt kommen, sollte die erste Textinformation der räumlichen Orientierung dienen.
  • Für kurze Reportagen sollte die Handlung in nicht zu vielen Räumen spielen. Alle Räume mussen installiert (und verbunden) werden. Schauplätze entsprechend der Geschichte enger machen.

Inhalte

  • Die Reportage ist wie ein „Last Minute Flug“. Man weiß als Textperson nichts, sondern entdeckt einen Menschen, ein Land, eine Situation. Der Informationsfluss ist so, dass die Textperson immer nur das wissen kann, was sie gerade bis zu diesem Zeitpunkt erfahren haben kann. Vorgriffe auf Dinge, die passieren werden, sind nicht möglich.
  • In einer Reportage kann man keiner bestimmten, übergeordneten Fragestellung nachgehen.
  • Die Haltung zur Hauptfigur muss in der Reportage am Anfang offen sein. Der Film kann sich dann in eine persönliche Ansicht entwickeln.

Text

  • Im Text immer überprüfen, ob die Information, die man gibt, der Zuschauer schon erleben konnte. Ist schon jemand eingeführt, der uns die Info gegeben haben kann? Kann jemand, der einen Tag dabei war, an dieser Stelle wissen, was im Text gesagt wird?
    à Zuschauer und Autor (Text) sind in der Reportage immer auf einer Höhe!
  • Spannung im Text erzeugen, indem Bild und Text unterschiedliche Aussagen treffen (Bsp. Text spricht von Urlaub, Bild vermittelt militärischen Drill)
  • Der Film muss die Fragen stellen, die dann im Text beantwortet werden müssen.
    Keine Fragen beantworten, die sich kein Zuschauer stellt (z.B. Ortsnamennennung „Nürnberg…„).
  • Bei Szenenwechsel in jedem Fall immer erstmal kein Text, sondern nur Atmo.
  • Sprechertext ist immer konkret. Probleme, Zahlen etc. konkret benennen.
  • Es muss immer zuerst ein Gefühl im Zuschauer entstehen. Erst dann kann der Text darauf eingehen.
  • Indirekte Rede ist in der Reportage gut, es muss aber vorher klar sein, wie die Person spricht. Der Zuschauer muss sich vorstellen können, wie er es sagt und indirekte Rede muss glaubhaft sein.
  • Nie Gefühle behaupten à Gefühle sind fühlbar!


Kompakte Reportagehilfen

  1. Schauplätze begrenzen à je mehr Räume, desto mehr Übergänge, desto mehr Schwierigkeiten
    Ist ein Schauplatz richtig eingeführt, kann man von einem zum anderen springen.
    Um Raumgefühl nachzuvollziehen à Distanz zu den eigenen Bildern schaffen und diese beschreiben à funktionieren die Räume?
  2. Reportage braucht Handlung à zu wenig Handlung ist keine Reportage. Eine Möglichkeit ein solches Thema zu retten, ist den Reporter als Hauptfigur einzusetzen.
  3. Planung in der Reportage à Handlungsabläufe lassen sich planenund Raumstrukturen (ist es hell oder dunkel, laut oder leise?). Mit den Partnern nie über Themen sprechen, lediglich “Was passiert wann und wo?”
  4. Geräusche à Geräusche steuern Emotionen und die sind in Reportagen besonders wichtig.
  5. Text à Viel Atmo, wenig Text!
  6. Reportage bildet nicht ab à Wirkliches Leben wird komprimiert. Entscheidend sind die richtigen Ablaufstrukturen (rote Fäden). Sind die richtig gestrickt, wird die Handlung real.
  7. Rote Fäden à Zwingend sind Zeit und Raum. Hinzu kommen weitere mögliche: fachspezifisch, qualitativ, quantitativ,…)
    Viele Rote Fäden sind gut! Zu viele sind gerade in kurzen Reportegen gefährlich, weil alle zum Ende kommen müssen. Jeder Rote Faden muss beim Wiederauftauchen eine Steigerung erfahren (z.B. 1. Auftauchen à noch 5 Tage Zeit, 2. Auftauchen à noch 3 Tage…)
  8. Überraschungselementeà funktionieren in Reportage nicht so gut. Kurze Szenen sind okay, dürfen aber nicht zu lang werden. Wichtig ist eine einlösbare Herausforderung zu stellen! (nicht Training für Olympia in 3 Jahren, sondern Trainingsziel am Ende des Tages bzw. am Ende der Reportage).
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