Die Filmabnahme

(Seminar der ARD.ZDFmedienakademie – Volker Ligat, Holger Kortüm)

Probleme bei der Abnahme:

  •    Zwischenmenschliches (persönliches Verhältnis)
  •    Zeit (Gewichtung – was zuerst?)
  •    Kriterien (objektiv ßà subjektiv)
  •    Verfahren (äußere Bedingungen [klare Kommunikation, Ruhe, Zeitdruck])

Warum Geschichten erzählen?

Seit vielen Tausend Jahren werden Erfahrungen und Fakten durch Geschichten vermittelt. Die Jäger vergangener Tage saßen am Feuer und erzählten Geschichten und gaben dabei ihre Erfahrungen weiter. Sie haben damit das Leben und Überleben ihrer Gruppe gesichert (welche Pflanzen sind giftig, welche Tiere gefährlich, welche Jagdstrategie führt zum Ziel?)

Es war also überlebenswichtig Geschichten zu hören und sie sich zu merken.

Emotionen und Fakten

Der Mensch nimmt beim Fernsehen rund 2 Millionen Eindrücke pro Stunde auf – aber nur 4-6 davon bleiben tatsächlich auch im Gedächtnis. Fakten bleiben nur hängen, wenn sie eine Emotion für die Situation entstehen lassen. Die Fakten müssen deshalb eine Relevanz für den Protagonisten haben. Emotionen dürfen deshalb nicht getextet werden, sondern müssen durch bestimmte Fakten beim Zuschauer entstehen.

Bsp.:       Er war hundemüde.

               Um 4 in der Nacht ist er ins Bett gekommen, um halb 7 klingelte der Wecker.

Deshalb die Fakten stets daraufhin überprüfen, ob sie in Bezug auf die handelnde Person eine Relevanz besitzen.

Abrufbar ist nachher immer das Gefühl

  • war ein super Beitrag, sehr berührend – warum?
  • Weiß nicht, muss mal überlegen.

In Spielfilmen wird immer erst ein Gefühl für die Person etabliert, ehe der Person etwas passiert. [Bsp. „Titanic“ – kennenlernen von DiCaprio und Winslet].

Zwei Kriterien für die Abnahme

In Filmen laufen Emotionen und Fakten auf zwei getrennten Spuren. Nach dem Film sollte man folgendes überprüfen.

  1. Was soll der Zuschauer am Ende fühlen? ( Emotionspunkt)
  2. Was soll der Zuschauer am Ende gelernt haben? (Argumentpunkt)

Ziel des Films ist , dass der Zuschauer am Ende dort landet, wo man ihn haben will, nämlich am Ort des Rechercheergebnisses.

Es ist sinnvoll, nach dem Ansehen eines Filmes den Emotionspunkt zu formulieren. Damit schafft man die Rückversicherung: ist bei mir tatsächlich angekommen, was der Autor erreichen wollte.

Die Emotion, die sich nach dem Film einstellt bzw. die der Beitrag hervorruft, ist auch das erste Kriterium, ob er gelungen ist (Emotionspunkt sollte klar zu formulieren sein und dem Aussagewunsch entsprechen).

Gutes Kriterium ist, wenn man den Film am Ende in einem „Aussagesatz“ zusammenfassen kann.

Prinzip des Geschichtenerzählens (nach Heussen)

Die Abnahmesituation:

  • möglichst intime Situation schaffen (Tür zu!)
  • alle raus, die bei der Abnahme nichts zu suchen haben (keine Praktikanten, Volos, etc.)
  • Rollen vorher klar verteilen – ein abnehmender Redakteur (kein Team)
  • Redakteur ist Verhandlungsführer (er ist zuständig für das Klima in der Abnahme)
  • Bei der Abnahme zwischen den Autor und den Cutter setzen, immer konkret auf den Beitrag Bezug nehmen
  • Nicht in Konkurrenz zum Autor treten – Redakteur ist nur Hebamme, nicht Ersatzmutter
  • Nach der Abnahme ist der Film ein gemeinsames Werk (verteidigen gegen Kritiker)

 

Die Abnahme in 6 Schritten:

(Sich vor der Abnahme die Bedingungen, unter denen der Beitrag entstanden ist, vergegenwärtigen)

  1. Kompletter Durchlauf – ohne Unterbrechung und ohne sich Notizen zu machen (die „Lupe“ kommt später).
  2. Spontan das Gefühl äußern, das der Beitrag hinterlässt (Emotionspunkt)
  3. Aufspüren der dramaturgischen Struktur (sind die Elemente einer Geschichte vorhanden?)
    Erzählsatz formulieren:
    Der Film erzählt die Geschichte von Hauptfigur, die gekennzeichnet ist durch Attribute und sie steht vor der Herausforderung und am Ende ergibt sich die Veränderung. Dabei spielen die Nebenfiguren eine Rolle.
  4. Den Beitrag Sequenz für Sequenz durchgehen. Sind Emotionen getextet, gibt´s Text/Bild-Scheren, etc. Dabei immer wieder zurück zum Film à ganz konkret am Beitrag argumentieren (was sagt das Bild, was der Text).
  5. Veränderungen verabreden (Zusammenfassung)
  6. „Danke“ sagen!

 

Abnahme Kriterien:

  • Wird das beabsichtigte emotionale Ziel erreicht?
  • Wurden alle wichtigen Fakten genannt?
  • Haben die genannten Fakten eine Relevanz für den Beitrag?
  • Hat der Beitrag eine klar erkennbare dramaturgische Struktur? (um wen geht´s? um was geht´s? was nun? Wichtig: Hauptfigur nicht verlieren, sondern auch textlich weiterführen)
  • Fakten schaffen Emotionen und Emotionen sorgen dafür, dass die Fakten durchdringen. Emotionen sind das Pferd, das die Fakten transportiert.
  • Emotionen nicht texten!
    Emotionen müssen im Kopf des Zuschauers entstehen.
  • „Rote Fäden“ (Handlungsabläufe) dürfen nicht gebrochen werden.
  • O-Töne mit Sprungbrettern statt Rampen antexten.
  • Beitragstext nicht zu dicht. Füllwörter streichen, lange Sätze zerlegen, Passiva aktivieren, Fakten auf Relevanz prüfen.
  • Text/Bild-Störungen müssen korrigiert werden.
  • Das Textende darf kein neues „Fass“ aufmachen.

 

Das Notprogramm – wenn die Zeit drängt

1.      Filmanfang (wichtig, dass er gut zu laufen beginnt, Text nicht zu früh, Ton schön, Text nicht zu dicht)

2.      Antext von O-Tönen (immer fragen, ob Antext verzichtbar ist. Antext sollte Spannung zum O-Ton haben à keine Rampen bauen, sondern kleine Lücken lassen)

3.      Textdichte (kurze Sätze, Dichte reduzieren, Fakten auf Relevanz prüfen)

4.      Text-Bild-Störungen (Scheren, Kollisionen und Dopplungen entfernen)

5.      Rote Fäden (laufen die „Roten Fäden“, die begonnen wurden, weiter [Chronologie, Qualität, Quantität, Richtung,…]

6.      Filmende (kein neues Fass öffnen, keine neuen Fragen aufwerfen, Ausblick geben, zusammen fassen)

 

Sonstige Tipps:

  • Mögliches Vorgehen bei Geschmacksfragen (z.B. Musik):
    Meinen Geschmack trifft es nicht. Lass uns mal überlegen, ob es vielleicht vielen unserer Zuschauer auch so gehen könnte.
  • Bei längeren Interviewszenen den Ort oder zumindest die Einstellungsgröße variieren. Unterschiedliche Orte oder Einstellungsgrößen suggerieren: wir hatten Zeit, haben uns Mühe gegeben.

Literatur:

Heussen, G.A. (2004): Der Erzählsatz – Das dramaturgische Skelett einer Geschichte.- 54 S., ISBN 978-3-00-028648-3.

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