Der Text im Film

Der Text im Film

Der Filmtext ist nur einer von fünf „Mitspielern“ innerhalb eines Beitrags, die gemeinsam die Information des Films tragen (Bild, Geräusche, O-Töne, Musik + Sprache). Der Text hat dabei die Rolle des Spielmachers, er kann alle anderen entweder ins Spiel bringen oder sie am Spiel hindern.

Der Filmtext muss die Aufmerksamkeit der Zuschauer so führen, dass sie über die gesamte Filmlänge erhalten bleibt. Er muss dazu am Bild anknüpfen, d.h. die bereits vorhandenen Informationen sichern, so dass sie als für die Geschichte relevant erlebt werden. Überdies muss er Spannung und Erwartung wecken durch Fakten, die im Zuschauer eine Vorstellung von Ungleichgewichten erzeugen.

Der Text soll nur diejenigen Fakten enthalten, die in Bild und Ton nicht darstellbar sind oder im jeweiligen Film nicht dargestellt werden konnten. Es sollten gewichtende Fakten sein, aus deren Zusammenspiel der Zuschauer eine zutreffende Vorstellung gewinnen kann. Die Fakten sollten stets konkret sein. Allgemeine Formulierungen sollten durch konkrete Fakten ersetzt werden.

Wenn es nichts zu sagen gibt, sollte auch der Text schweigen. Szenen müssen nicht gefüllt werden. Generell gilt für den Text: alles weglassen, was die Geschichte nicht weiterführt.

Die Textperson

In jedem Text spricht eine Person, die der Autor geschaffen hat. Diese Textperson verhält sich wie eine eigenständige dramatische Figur, die auf der „Bühne des Films“ auftritt. Sie muss nicht mit dem Autor identisch sein, kann es aber (z.B. im Kommentar). Die Textperson ist die Position, aus der ein Film erzählt wird. Diese Position kann sehr unterschiedlich sein:

  • Kleiner Junge, z.B. der Enkel der Hauptfigur oder ein
  • Gutachter, ein Staatsanwalt oder Verteidiger

Es ist eine Rolle, die der Autor des Stücks gewählt hat und die er innerhalb des Films auch nicht mehr wechseln darf. Sie hat im Prinzip sogar eine fiktive Biographie, ist Mann oder Frau, alt oder jung, kommt aus einem bestimmten sozialen Umfeld, usw.

Sie ist außerdem gekennzeichnet durch eine bestimmte Haltung zum Inhalt des Films, aber auch zum Zuschauer. Sie ist eine unsichtbare Nebenfigur, die die Geschichte der Hauptfigur erzählt.

Die Textperson darf und soll durchaus in Spannung zu Bildern und Geräuschen stehen und zu diesen einen Gegenpol bilden. Die bei einem bestimmten Thema jeweils naheliegende Textperson – etwa beim Wissenschaftsfilm der erklärende Professor – ist oft die langweiligste Möglichkeit. Die Textperson sollte dem Film einen zusätzlichen Erlebensraum geben. Der Zuschauer gewinnt durch eine gut gewählte Textperson einen neuen, in vielen Fällen unerwarteten und für ihn spannenden Blick auf den Inhalt, auf die Bilder und Geräusche.

Jede Textperson kennt zwar alle Fakten, die die Autoren recherchiert haben, präsentiert sie aber in einer Reihenfolge und Gewichtung, die ihrer fiktiven Biographie entspricht. Sie zeigt ein zu ihr passendes Interesse und eine daraus folgende Sichtweise und Reaktion auf die Filmbilder, Geräusche und Musiken.

Infoladung der Bilder und der Text

Jedes Bild enthält eine Vielzahl an Informationen, die der Zuschauer bewusst oder unbewusst wahrnimmt. So kann ein Bild z.B. eine Aussage über: die Jahreszeit, die Tageszeit, die Umgebung, die Situation, den Stil, die Bewegungsrichtung usw. liefern.
Der Text muss nun mit der Infoladung der Bilder verknüpft sein. Er wirkt erst richtig zum Film gehörend, wenn die Wörter gleiche oder ähnliche Infoladungen wie die Bilder enthalten (z.B. im Bild Bewegung von kleinen Insekten, die durcheinander wuseln à Text sagt „forschen“ (geistige Bewegung) statt „beobachten“). Je nachdem welche Worte für den Text gewählt werden, wird die eine oder die andere Infoladung eines Bildes aktiviert. Damit ein Film inhaltlich präzise wird, müssen diejenigen Infoladungen aktiviert werden, die zum jeweiligen Inhalt gehören. So müssen z.B. laufende Rote Fäden weiter geführt werden. Die Kompetenz und die Attraktivität eines Films wächst, je selbstverständlicher das Zusammenspiel der Infoladungen von Bild und Text funktioniert. Wegen des Zusammenhalts der Infoladungen in Wort und Bild, kann sich der Text auch weit vom Bildinhalt entfernen.

O-Töne

O-Töne können unterschiedliche Funktionen erfüllen. Sie können ein Gefühlsäußerung darstellen, eine Erklärung liefern, eine Meinung kundtun usw. Damit sie richtig zur Geltung kommen, den Film vorantreiben und nicht bremsen, müssen sie richtig angetextet werden. Dazu dürfen die Urteile und Einschätzungen der O-Tongeber in keinem Fall vorweggenommen werden (So nicht à Angela Merkel zeigt sich enttäuscht ob der Verhandlungsergebnisse. O-Ton: “Ich hätte mir mehr erwartet…).

O-Töne sollten durch ein dramaturgisches Sprungbrett angesteuert werden. Konstruiert wird ein solches Sprungbrett durch den Gegenpol der jeweiligen O-Ton-Aussage. Der Antext ist also der Gegenpol, der O-Ton der Pol.

Liefert der O-Ton eine Emotion, sollte der Antext aus Fakten (z.B. einer Ortsangabe) bestehen. Ist der O-Ton eine Erklärung, müsste der Antext eine Frage aufwerfen (am besten durch 2-3 Fakten ohne erkennbaren Zusammenhang). Handelt es sich beim O-Ton um eine Meinung, so sollte der Antext wiederum ein Faktum sein (Antext: Durch Frankfurt fließt der Main. O-Ton: „Der Main ist der langweiligste Fluss, den es gibt.“).

Weitere Pol/Gegenpolpaare sind:

O-Ton Aussage (Pol)

Antext (Gegenpol)

Details Allgemeines
Begründung Behauptung
Beweis Vermutung oder Zweifel
Behauptung Faktum
Erinnerung (Vergangenheit) Istzustand
Ankündigung Zeitlinie „bis jetzt“
Zusammenfassung Reihe von Fakten, die nicht zusammen zu passen scheinen (leichte Verwirrung stiften)

Um einen O-Ton klar einer Kategorie zuordnen zu können, ist es nötig ihn auf eine Aussage zu reduzieren. Ein O-Ton sollte deshalb nicht verschiedene Aspekte ansprechen, sondern auf eine klare Aussage verkürzt werden.

Umgang mit O-Tönen in 3 Schritten

  1. O-Ton soweit zusammen schneiden, dass er einer Kategorie angehört und die Kategorie bestimmen.
  2. Den Antext so formulieren, dass er der dramaturgische Gegenpol ist.
  3. Den letzten Sinnschritt vor einem O-Ton wegstreichen.

Schlusssätze

Jeder Film braucht ein richtiges Ende. Dieses Ende muss auch durch den Text eindeutig angezeigt sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten von Schlusssätzen:

  1. Der Schlusssatz steuert die nächste abstrakte Ebene an
    – Zusammenfassung (z.B. Märchenschluss)
    – Schlussfolgerung ziehen (…die Meisterschaft ist damit verspielt.)
    – 3 Punkte (1., 2., 3. )
  2. Schlusssatz zielt in die Zukunft
    – muss konkret sein (z.B. die nächste Herausforderung der Hauptfigur nennen)
    – nächste Etappe nennen (sie werden aufeinandertreffen, bei der Tour de France, am 01. Juli nächsten Jahres.)
    – drei offene Fragen
  3. Schlusssatz als Nachklapp
    – wiederaufnehmen eines erzählerischen Details (übrigens, den Bart hat er sich abrasiert)
    – urteilendes Detail erwähnen (er greift zum Glas, seine Fingernägel waren nicht sauber)
  4. Mit dem Schlusssatz Schluss machen
    – ausdrücklich „Schluss“ sagen (… und damit war die Geschichte aus.)
    – technischer Schluss (Abblende etc.)
    – unterbrechen (eine Geschichte, die eigentliche noch weiterliefe)
    – 1001-Nacht-Schluss (Erzähler erzählt, dann Wechsel in eine andere Situation [Erzählebene à Realebene])

Praktisches Texten

  • Der Filmtext wird nach dem Schnitt geschrieben.
  • Eigennamen erst, wenn man einen Eindruck von der Figur bekommen hat. Nicht an erster Stelle, im ersten Satz. Wenn dann betitelt wird gehört der Name nicht auf den Hintern, sondern nur ins Gesicht.
  • Filmtext schreibt und korrigiert man am wirksamsten am laufenden Bild und laut sprechend und lesend. Im lauten und betonten Lesen erkennt man intuitiv am schnellsten eventuelle Fehler und Unstimmigkeiten.
  • Spezifische Dinge einmal sehr konkret benennen, dann glaubt der Zuschauer auch den Rest. Ebenso beim Übersetzen von O-Tönen verfahren. O-Ton ein Stück freistehen lassen, dann die ersten Worte ganz exakt übersetzen. Danach ist alles möglich…
  • Text darf die Bild-, Geräusch-, Musikinformation nicht zerstören, sie nicht verdoppeln und ihr nicht widersprechen.
  • Text ist immer konkret à Allgemeines entsteht im Zuschauer.
  • Der Text wirkt kompetent, wenn er zeigt, dass er sieht, was der Zuschauer sieht.
  • Alles in den Filmtext, was man nicht sehen kann (z.B. Gerüche, Temperaturen im Zuschauer entstehen lassen à „…Schwaden aus stechendem Schwefel…).
  • Kein Text, wo Bild und Geräusch selbst die Geschichte voran bringen. Mut zu textfreien Stellen!
  • Keine Synonyme verwenden (Boris Becker, der Leimener, der dreimalige Wimbledon-Sieger, der viermalige Mastersfinalist…)
  • Text muss gesprochen funktionieren, nicht gedruckt/gelesen
  • Beim Texten das „Wäscheklammerprinzip“ anwenden. Der Text muss die erste Info stimmig liefern, dann kann er sich ein Stück entfernen, um später wieder anzuknüpfen.
    Bsp. …Linden, Eichen, Erlen à wenn Linden im Bild sind
    ….Eichen, Linden, Erlen à wenn Eichen im Bild sind
  • Möglichst die Vorstellung von Bewegung texten (…bahnt er sich den Weg durch Zahlenreihen…)
  • Zeitpunkte ans Ende einer Bewegungsvorstellung setzen oder als vergangene Zeit angeben (3 Stunden später)

Quelle:

FS-Texten für lange Formate, Seminar bei Gregor A. Heussen (2007)

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3 comments on “Der Text im Film
  1. Marvin sagt:

    Toller Beitrag!

  2. peter sagt:

    jo das hat mit´r einfach garnicht geholfen

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