Mobiler Journalismus

2003 wurde ich zum Videojournalisten ausgebildet. Bootcamp nannte sich der 3-wöchige Kurs und geleitet wurde er vom damaligen VJ-Guru Michael Rosenblum aus den USA. Nach den 3 Wochen, in denen ich mich vor allem mit Kameratechnik und Schnittprogramm rumärgerte, durfte ich Beiträge fürs Fernsehen machen. Selbst ausgedacht, gedreht, vertont und geschnitten. Kamera und Schnitt-Laptop hat mir der Sender gestellt.
Fünf, vielleicht auch sechstausend Euro hat alles zusammen gekostet und vor 12 Jahren kam das Projekt „Videojournalismus“ einer Revolution gleich. Journalisten, die nach 3 Wochen fürs Fernsehen drehen und schneiden dürfen; Ausrüstung, die ein Bruchteil des normalen EB-Team-Equipments kostet und das, wo doch noch vor kurzer Zeit Kamera- und Schnittvolontäre frühestens nach einem Jahr Ausbildung mal ans Arbeitsgerät gelassen wurden. Michael Rosenblum verglich das, was vor gut 10 Jahren passierte, mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg. Raus aus den Skriptorien der Klöster – Bücher für jedermann. Und das würde nun mit dem Journalismus passieren. Billiges Equipment sollte es möglich machen.

Ja, es stimmt, es entstanden Geschichten, die es so vorher nicht gab – ein paar. Aber eine Fernsehrevolution? Nein, das war es nicht! Vielleicht ein erstes zartes Grummeln in der Tektonik des Bewegtbildes. Der große Vulkanausbruch, der passiert erst jetzt. Mobiler Journalismus, Bewegtbildbeiträge gedreht mit Handykameras und zum Teil sogar darauf geschnitten und gleich Online gestellt. Das kann tatsächlich einer Revolution gleichkommen.

Schon jetzt sehen wir in den Nachrichten aller Sender Handybilder vom Maidan, aus Kobane oder Donezk, Bilder aus Krisengebieten, die wir sonst nicht sehen würden. Solange sie dieses Alleinstellungsmerkmal besitzen, stört uns schlechte Qualität nicht. Doch nicht jeder, der etwas zu sagen hat und es in Bildern erzählen möchte, sitzt in einem Kriegsgebiet. Ein Erlebnisbericht aus dem Fanblock, eine Konzertkritik mit Impressionen, erste Bilder von einer Demo – und natürlich schaut sich das der Zuschauer auf Youtube oder Vimeo lieber in „schön“ an, als unscharf, wackelig und falsch belichtet.

 

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