Flüchtiges Zusammentreffen II

Eine Frau setzt sich neben mich, nimmt ihr Buch aus einer MCM-Handtasche und legt es auf ihre Knie. Als sie gerade ihre Brille aus der Manteltasche zieht, höre ich ein glucksendes Geräusch und bemerke ein Nicken in Richtung Gang. Ich folge ihrem Blick, sehe einen Mann in einem braunen langen Mantel, braunen Hosen mit einem silbernen Rollkoffer auf uns zukommen. Ein gezwungenes Lächeln im knittrigen Gesicht, setzt er sich auf den Platz der Frau gegenüber, wobei seine Beine weit bis zu mir herüberreichen. Dann die Standard-Begrüßungs-Floskeln.

Frau: „Ach, lange nicht gesehen, wie geht´s?“
Mann: „Danke, und selbst.“
Frau: „Ja, es geht so. Die Kälte macht mir zu schaffen.“
Mann: „Tja, der Winter.“

Dann eine überraschende Wendung:

Frau: „Wie machen wir das mit meinem Hut?“
Kurze Irritation beim Mann, dann Erkenntnis: „Ach ja, der liegt bei mir auf der Garderobe.“

So wie sie sich um das Gespräch bemüht, hat sie den Hut wahrscheinlich mit Vorsatz bei ihm liegen gelassen.

Mann: „Donnerstag kann ich ihn mitbringen.“
Frau: „Wie, ach so, sie wollen bei mir vorbeikommen?“
Mann: „Donnerstag, könnte es klappen – nach ´m Büro.“
Frau: „Wann denn so, damit ich mich richten kann.“
Mann: „So halb sieben.“

Die Frau streicht sich die Haare aus der Stirn, steckt die Brille, die sie noch in der Hand hält, wieder in den Mantel.
„Ja, das passt. Freitag ginge nicht, da fahre ich Ski.“
Der Mann sagt nichts, nickt nur.
Frau: „Ja, zusammen mit einer Freundin. Nur für´s Wochenende.“
Der Mann nickt wieder, sagt aber immer noch nichts. Eine Pause entsteht. Es ist so eine Pause, die je länger sie dauert, immer unangenehmer wird. Wahrscheinlich denken beide, ´Scheiße, was sage ich jetzt bloß, damit diese Pause nicht so unangenehm wird.´

Frau: „Es sind ja nur zwei Tage, aber ich glaub, ich muss trotzdem den großen Koffer nehmen.“
Mann: „Mir reicht da immer so´n kleiner Trolley.“
Frau: „Ja, meine Freundin meinte wir bräuchten auch was für abends. Ein Dirndl und so.“
Mann: „Ja, dann ist klar mit dem großen Koffer.“
Frau: „Aber ich weiß noch nicht.“

Wieder eine Pause. Die Frau lächelt angestrengt. Er schaut eher stoisch.

Frau: „Es fahren ja auch noch zwei Freunde mit.“
Mann: „Ach so.“
Frau: „Ja und vielleicht kommt auch noch der Liebhaber meiner Freundin mit.“
Er schaut, zieht die Augenbrauen ein Stück hoch.
Frau: „Ich weiß ja nicht, ob die beiden anderen das so toll finden. Mir ist das ja egal.“

Die nächste Pause

Frau: „Waren sie schon Skilaufen dieses Jahr?“
Mann: „Ich wollte vielleicht mal für einen Tag auf die Wasserkuppe.“
Frau: „Wasserkuppe? Ach ja, hab ich schon mal gehört. Ist die nicht in der DDR? – Oder nein, in Tschechien.“
Mann: „Nee, ist schon noch in Hessen.“
Frau: „Stimmt! Hab´ich jetzt verwechselt mit der Schneekoppe.“

Pause.

Mist, ich muss hier raus. Im Aufstehen höre ich noch wie die Frau sagt, dass sie Karten für´s Rheingau Musikfestival gekauft hat. Ob er wieder nur nickt? Und was wohl aus dem Hut wird. Und wie ist der Hut nur zu ihm gekommen? Ich erfahre es nie. Die Tür geht auf, ich trete an einem Mann vorbei hinaus in die Kälte.

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