Autos – Laszlos Welt (Teil IV)

In den meisten Fällen sind Fernsehteams ohne Auto nicht denkbar. Der maximale Radius, innerhalb dessen sich Kameramann und Tontechniker rund um ihr Auto bewegen, beträgt geschätzte 15 Meter. Liegt der Drehort weiter weg, wird umgeparkt. Würde man ein Fernsehteam während des Filmens aufnehmen, es gäbe kein Bild in dem nicht hintergründig ein Auto herumstünde. Nur wenn es gar nicht anders geht, also zum Beispiel im Hochgebirge oder innerhalb von Gebäuden, weichen Teams mal von der 15 Meter Regel ab.

Die Arbeit im Opelzoo zählt auch zu diesen „Abweichungen“. Die Wege dort sind schmal und Besucher haben wenig Lust sich während des teuer bezahlten Rundgangs unentwegt an den Rand drängen zu lassen. Kein Argument für die Fernsehteams, wohl aber für den Zoodirektor. Fahren dürfen dort nur Handwerker, Tierärzte, Futterlieferanten und natürlich die Zooführung. Der Direktor hat einen Elektroroller, mit dem er sich nahezu geräuschlos und blitzschnell an jeden heranschleichen kann. Wir jedoch mussten laufen und das obwohl der Opelzoo für seine Weitläufigkeit und seine giftigen Anstiege bekannt ist und es einfach schön wäre Kamera, Tongerätschaften, Stativ und was man sonst noch so bei einem Dreh mit sich trägt, eben nicht zu tragen, sondern zu fahren. Hinzu kommt, dass die Kollegen im Frankfurter Zoo sehr wohl zu den Drehorten fahren durften – und das obgleich die Wege dort kürzer und flach wie ein Brett sind. Gerecht ist anders!

Giftige Anstiege

Aber ich will nicht klagen. Laszlo und ich stellten unsere Autos also außerhalb des Zoos ab und gingen zu Fuß. Laszlo parkte in der Regel auf dem Besucherparkplatz, ich im Wald hinter dem Zoo, um bei Bedarf schnell das ein oder andere im Wagen verstaute Utensil nachholen zu können. Obwohl Autos also real bei unseren Rundgängen keine Rolle spielten, virtuell waren sie doch gern und oft unsere Begleiter. Dazu muss gesagt werden, dass unsere Einstellung zu Autos, das Wissen über ihre technischen Finessen und die Bedeutung, die sie für unser Leben haben, bei uns beiden nicht unterschiedlicher hätten sein können. Laszlo fuhr zunächst einen schwarzen BMW, später einen ehemaligen Diplomaten Mercedes – natürlich auch in schwarz. Ich hatte einen acht Jahre alten Renault Kangoo mit 75 PS. Ich denke damit ist bezüglich unserer unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Autos alles Notwendige gesagt.

Da wir hin und wieder gemeinsam vom Zoo in den Sender fuhren und uns dabei abwechselten, hatten wir jeweils Gelegenheit beim anderen mitzufahren. Mein Kangoo war eine Familienkutsche. Die Sitze hatten Flecken von verschütteten Getränken, der Boden war voller Krümel und der Kofferraum sah aus, als wäre ein Penner eingezogen. Als ich Laszlo das erste Mal mitnahm, konnte ich seine Erschütterung über den Zustand des Autos und sein Mitleid mit dem bedauernswerten Geschöpf förmlich greifen. Entschuldigend führte ich an, dass wir erst kurz aus dem Urlaub zurück seien und ich noch keine Gelegenheit hatte das Auto aufzuräumen. Etwas widerwillig setzte er sich auf den Beifahrersitz und hielt mir einen Vortrag über Autos als Spiegel der Persönlichkeit, als Aushängeschild des Charakters und Zeichen rechtsstaatlicher Grundwerte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass es sinnlos sei ständig zu saugen und zu räumen, weil die Kinder ohnehin gleich wieder alles schmutzig machten, es im Moment aber nur so schlimm aussähe, weil wir ja im Urlaub auf dem Bauernhof waren. Die Fahrt zum Funk dauert etwa 25 Minuten. Sie kamen mir vor wie Stunden.

Die Gespräche, die wir in den nächsten Tagen und Wochen während unserer Rundgänge zum Thema Auto führten, waren nach dem Vorfall in meinem Kangoo von einer gewissen Einschüchterung meinerseits geprägt. Ich ließ mir geduldig und ohne zu widersprechen erklären wie ärgerlich es sei, wenn man auf der linken Spur der Autobahn gerade richtig Fahrt aufgenommen hatte und dann Hinz und Kunz glaubten mit 110 einen LKW überholen zu müssen. „Das machen die mit Absicht“ war Laszlos feste Meinung. „Sie warten, bis ein schnelleres Auto von hinten kommt, um dann kurz vor ihm rauszuziehen“. Wir passierten gerade die Flusspferdanlage und ich erwog ernsthaft mich zu Max ins Becken zu stürzen. Ich tat es nicht, hörte mir stattdessen einen Vortrag darüber an, wie schnell die Bremsbeläge runter sind, wenn man auf der Autobahn ständig so schikaniert wird und was es kostet sich neue Beläge einbauen zu lassen. Aber auch diese Unterhaltung ging vorüber und am nächsten Tag sollte ich in den Genuss kommen mit Laszlos Diplomaten-Benz mitfahren zu dürfen.

Der Beifahrersitz war mit einer Decke vor Vorschmutzung geschützt, doch die Fußmatte aus schwarzem Plüsch war unbedeckt. Ich überlegte kurz, ob ich mir die Schuhe ausziehen sollte, hatte ich doch sauberes Wechselschuhwerk oder Pantoffeln vergessen. Es war zum Glück seit einigen Tagen trocken gewesen, so dass die Sohlen meiner alten Wanderstiefel relativ sauber waren. Nach dem einsteigen demonstrierte Laszlo mir stolz die diversen Funktionen, die das Auto für uns parat hielt. In den Türen waren kleine Schalter. Neugierig drückte ich auf einen und mein Sitz geriet augenblicklich in Bewegung. Das fahrende Wunder konnte drei unterschiedliche Sitzpositionen speichern und auf Knopfdruck abrufen. Die Außenspiegel entfalteten sich automatisch, ein Monitor in der Mittelkonsole flammte auf und zeigte Bilder von vor und hinter dem Wagen samt Abstand zum nächsten Hindernis. Dargestellt wurde auch der Radius, den die Räder beschreiben würden, wenn der Lenkradeinschlag so bliebe wie in diesem Moment. Alles wurde elektrisch per Knopfdruck geregelt, selbst der Zündschlüssel musste nicht mehr gedreht, ja sogar nicht mal mehr eingesteckt werden. Ich überlegte, wo wohl der Strom für den ganzen Schnickschnack herkommen könnte.

Nach einiger Zeit der Erklärungen und des Staunens setzten wir uns in Bewegung. Mit Dolby-Surround-Subwoofer-Sound glitten wir über die Straße und ich hätte mich nicht gewundert, wenn Laszlo irgendwann zu einem Mikrofon gegriffen und die Passagiere über die aktuelle Flughöhe und das Wetter am Zielort informiert hätte.

Das Autothema blieb uns während der langen Spaziergänge durch den Zoo weiter erhalten. Laszlo erzählte mir vom Feilschen beim Autokauf, dass er selbst regelmäßig als Berater für tschechische Händler, die in Deutschland günstig Autos kaufen wollten, arbeitete und seinen Ärger mit diversen Werkstätten, die nur rumstümpern könnten, bei ihm aber an der falschen Adresse wären. Ich nicke und dachte darüber nach den Zoo im nächsten Jahr vielleicht mal sausen zu lassen.

Als wir dann wieder mal in den Sender mussten, war ich erneut mit Fahren dran. Unsere letzte gemeinsame Zeit im Kangoo lag einige Wochen zurück. Wir stapften also durch die Hintertür des Zoos in den Wald, ich öffnete Laszlo die Tür, ging um den Wagen und gerade als ich mich setzen wollte, fragte er mich – er hatte dabei seine Stirn in tiefe Falten gezogen – ob wir schon wieder im Urlaub waren.

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Veröffentlicht in Blackbox TV

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