Buchmesse

„Next Stop Frankfurt Fair“ – Die einzige Station deren Name auch auf englisch genannt wird. Goldener Oktober, Buchmessezeit in Frankfurt. Raus aus der S-Bahn, zum Schalter – eine Karte holen. Trotz Fachbesuchertag sind die Hallen voll. Überall Menschen. Hoffentlich hat keiner eine Bombe dabei.

Manche sehen aus wie ich. Schlendern an den Ständen vorbei, drehen Bücher in den Händen, halten Ausschau. Vielleicht zeigt sich ja ein Gesicht, das hinter einem Buch steckt. In den Händen, werbebedrückte Taschen, voll mit Postern, und Prospekten. Sind es wirklich mehr Frauen? Mit kurzen Röcken und hohen Stiefeln versperren sie die Gänge. Wenn sie den Kopf drehen sieht man wie sich die Sehnen an ihrem Hals bewegen. Ich geh in der Mitte – zwischen den Ständen. Die Männer haben lange Haare, manche sogar einen Zopf. Dazu tragen sie Anzug. Irgendwie sieht´s albern aus. Und alle haben einen Bauch. Saxophonmusik zwischen den Stimmen. Melodischer Jazz. Klingt gut. Den Tönen nach um eine Ecke. Da sitzt er auf einem Hocker, schaut beim Spielen den Frauen nach. Die gehen vorbei. Keiner bleibt stehen, auch die Männer nicht. Allein sitzt er da, spielt. Neben ihm ein Schild: Willkommen am Kösel-Stand – Bücher über Psychologie und Lebenshilfe. Okay, er ist versorgt.

Weiter die Gänge entlang. Christiane Paul am Stand der Allgemeinen. Redet über ihr Buch. Das Leben ist eine Öko-Baustelle. Wirklich? Was wird da gebaut? Oder sind wir noch dabei das Alte einzureißen? Dünn ist sie geworden. Die Haare ganz kurz und dunkel. Beim Reden wippt sie mit der Fußspitze.Sie sagt, dass sie mit dem Flieger da ist, aber sonst versucht mit der Bahn zu fahren. Sie isst weniger Fleisch, kauft Müllbeutel aus Maisstärke. Sie sagt jeder kann einen Beitrag leisten, Ökostrom verbrauchen, weniger Waschmittel nehmen – vielleicht hat sie Recht.

Ein paar Stände weiter – Massagesitze. Liegestühle mit einer Spezialauflage. 599 Euro – Messepreis. 4 dicke Kugeln rollen sich den Rücken rauf und runter. Fühlt sich gut an. Nur wenn sie auf Knochen treffen knirscht es ein bisschen. 10 Minuten dauert ein Durchgang. Eine Verkäuferin setzt sich in den Nachbarstuhl, sagt dass die Griechen uns beschissen haben. Dass die Unterlagen für den EU-Beitritt gefälscht waren und die kleinen Leute es jetzt ausbaden müssen. Ich bin 1,93, nicke trotzdem und versuche mich auf die Kugeln in meinem Rücken zu konzentrieren.

Am Vorwärts-Stand sitzt Wowereit. Mit weißem Hemd, roter Krawatte. Ein Arbeiterkind sei er. Der Bildungspolitik von Willy Brandt habe er es zu verdanken, dass er nicht da unten geblieben sei. Die Ausländer der nächsten Generation würden auch gebildeter sein, sagt er. Jetzt würden die Weichen gestellt. Ich gehe weiter – denke an Willy Brand.

Buchmessegast ist Island. Dunkel ist es im Pavillon. Vielleicht schon Polarnacht? Auf riesige Stoffwände projiziert: lesende Isländer. Sie sitzen vor vollen Regalen, ein Buch in den Händen und lesen. Ab und zu erhebt einer die Stimme, liest ein paar Sätze laut. Ich versteh kein Wort. Zwischen den Stoffbahnen – Tische, Stühle, Sessel. Auf dem Boden dicke Teppiche. Mit einem Cappuccino setz ich mich in einen Sessel. Vor mir auf dem Tisch – ein riesiges Buch. Flora Islandica.

Ich brauch zwei Anläufe, ehe ich die schwere Schutzhülle aufbekomme. Auf den riesigen Buchseiten Pflanzenzeichnungen. Alle in Originalgröße. In der Mitte der Halle: ein Würfel aus Stoffbahnen. Über 4 Wände spucken Vulkane Feuer und Geysire Wasser. Zurück im Licht fühle ich mich entspannt. Ich habe Kraft für eine weitere Runde.

Am Stand der Süddeutschen erzählt ein Autor von seiner Zeit bei der Linkspartei. Er sieht mehr aus wie ein Banker, nicht wie ein Linker. Nur um zu sehen wie es so ist bei den Linken ist er Mitglied geworden. Dann hat er ein Buch drüber geschrieben. Er liest Auszüge vor und ich hör gern zu. Als er fertig ist frag ich ihn, warum er „wir“ und „unsere Partei“ gesagt hat. Er sagt, dass er viele Dinge, die sie gemacht haben, gut fand, dass er sich damit identifizieren konnte. Ich frage ihn, was sich für ihn geändert hat. Er überlegt einen Augenblick und sagt dann: Ich glaube nicht mehr, was in der Zeitung steht oder in den Nachrichten kommt. Es gibt immer zwei Seiten von einer Geschichte.

Gleich halb Sieben. Viele sind schon gegangen. Für 3 Euro kauf ich mir ein neues Notizbuch. Auf dem Weg zum Ausgang komm ich an einem Stand vorbei, der noch voller Menschen ist. Weingläser stehen zwischen den Büchern. Ich nehm mir eins, setz mich auf einen der Hocker. Der Rotwein tut gut, betäubt die müden Füße und den schmerzenden Rücken. Ich schaue den anderen beim Trinken zu, trinke selbst und finde es schön hier zu sein.

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