Teil III – Atmo

Eine der Aufgaben eines Tontechnikers ist es nach einer Geschichte eine sogenannte „Atmo“ aufzunehmen. Atmo steht für atmosphärischen Ton, also  die charakteristischen Geräusche eines bestimmten Ortes, ohne das Gebabbel von irgendwelchen Leuten. In der praktischen Umsetzung heißt das, dass Laszlo nach einem Dreh ein bis zwei Minuten Ton aufzeichnen musste, den die Kollegen im Schnitt später benutzen konnten, um zum Beispiel meine Fragen aus der Geschichte herauszuschneiden. Also, Kamera nehmen, ein Stück bei Seite gehen, um Ruhe bitten und laufen lassen. Klingt nach einer  überschaubaren Herausforderung.

Im Zoo kam nun aber eine tückische kleine Schwierigkeit hinzu. Damit die Mädels und Jungs im Schnitt wissen, wo die Atmo aufgezeichnet wurde, hat Laszlo sich angewöhnt zu Beginn der Aufnahme die Örtlichkeit näher zu betiteln. – Nein, richtiger ist es zu sagen, er hat sich angewöhnt zu versuchen die Örtlichkeit näher zu betiteln. Vor Ort lief das Ganze dann meist so ab: Laszlo bat charmant, aber bestimmt um Ruhe, setzte gewissenhaft seine Kopfhörer auf, richtete seine Tonangel aus, warf mir einen Blick zu, der heißen sollte ich solle nun die Aufnahme starten und bereitete sich dann intensiv auf seine Ansage vor: “ Jetzt kommt Atmo bei …“ und hier geriet der  bis dahin so professionell dargebrachte Satz in der Regel ins Stocken. Was die Kolleginnen und Kollegen im Schnitt hörten, war eine Pause unterschiedlicher Länge. Angefangen von 2-3 Sekunden, bis hin zu 10 Sekunden innerhalb derer Laszlo das „… bei“ gern nochmal in getragenem Duktus wiederholte.

Hatte man das Glück nicht nur zu hören, sondern wie ich dabei zu sein, sah man bei Laszlo zunächst einen ratlosen Blick, der allerdings unmittelbar umschlug in einen suchenden. Ziel der Suche war das Schild am Gehege, das den Insassen einen Namen gab. Hing das Schild in Sichtweite, erfolgte nach der Pause eine meist etwas holprig vorgebrachte, mit tschechischem Akzent versehene, aber weitgehend korrekte Bezeichnung der Tierart, der wir uns während des Drehs bereits geraume Zeit gewidmet hatten. War das Schild nicht da, gab es zwei alternative Handlungsmuster. Nummer 1: Laszlo brach die Atmoaufnahme ab, ehe sie richtig begonnen hatte und fragte nochmal nach, auf welchen Namen die Tierart noch gleich hörte. Oder Nummer 2: Laszlo improvisierte.

Aus Warzenschweinen wurden da schnell mal Wild- oder Stachelschweine – immerhin, beides existierende Tierarten und bei oberflächlicher Betrachtung sehen Warzenschweine den Wildschweinen fast zum Verwechseln ähnlich. Die  Stachelschweine sehen zwar ein bisschen anders aus, sitzen aber direkt im Gehege gegenüber (welcher Zooplaner hat sich eigentlich so ein Verwirrspiel ausgedacht). Die Kolkraben mutierten schnell zu Kohlraben, kurz vor der Mittagspause gern auch mal zu Kohlrolladen. Die giftigen Skorpion-Krustenechsen wandelten sich in meinen Ohren grundsätzlich zu Krustenhexen – vielleicht wegen des Giftes. Kudus waren plötzlich Nandus und umgekehrt (wahrscheinlich sind die enger verwandt als man gemeinhin denkt). Und war der Schmid mal wieder da und hatte die Ponys beschlagen, dann hatte das in Laszlos Ansage diesmal der Hufmacher übernommen. Mein persönlicher Favorit unter „Laszlos wunderbaren Tiernamen“ ist aber seine Bezeichnung der Brazza-Meerkatzen. In kreativer Weise verband er hier ihren realen Namen mit ihrer tatsächlichen Zugehörigkeit zu einer der großen Tiergruppen. „Jetzt kommt ein Atmo bei … den Affenkatzen.“

Laszlo – wir danken dir!

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Veröffentlicht in Blackbox TV

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