Teil II – 70 % Leistung

Ehe ich mich Laszlo und mir und unserem Zusammenspiel richtig widmen kann, ein paar Sätze zur Vorgeschichte:

Irgendwann hatte der Mitteldeutsche Rundfunk damit begonnen eine Dokumentation über den Leipziger Zoo zu drehen. Tieren und Pflegern beim gemeinsamen Miteinander zuzuschauen hatte solchen Erfolg, dass andere Sendeanstalten nachzogen und Zoo-Dokumentationen aus Köln, Hamburg, Stuttgart, Berlin und eben auch den beiden großen Zoos im Rhein-Main-Gebiet entstanden. Schauplätze waren der Frankfurter Zoo und der Opelzoo im nahegelegenen Taunusort Kronberg.

Die Zoo-Doku war also da, fehlen noch Laszlo und ich in dem Spiel.

Meine geliebte Natursendung war noch nicht lange einem der ersten öffentlichrechtlichen Konsolidierungspläne zum Opfer gefallen, da wollte es der Zufall, dass mir angeboten wurde, als Videojournalist in den Opelzoo zu gehen und Geschichten für die Doku zu drehen. Keine geplanten Geschichten, sondern begleitende Reportage wie aus dem Lehrbuch. Ich war begeistert. Es war eine grandiose Gelegenheit für mich den Reportagestil intensiv zu praktizieren.

Nachdem einige Kollegen und ich bereits etliche Geschichten geliefert hatten, zeigte sich, dass die Bilder, die wir mit unseren kleinen VJ-Kameras drehten, ganz wunderbar mithalten konnten, der Ton allerdings immer öfter ein echtes Problem war. Es brauchte nur zum agierenden Pfleger noch ein Kollege, der Tierarzt oder der Zoopädagoge hinzukommen und wir waren in echten Schwierigkeiten. Tonkollegen sollten das Problem lösen. Ich sollte weiterhin als VJ drehen, ein Tontechniker sollte für guten Ton sorgen. Dazu muss gesagt werden, dass die VJ-Idee im HR damals noch nicht so schrecklich alt und damit etabliert war. Technisch unbedarfte Journalisten sollten nach einem Kurs überschaubarer Länge plötzlich die Arbeit von Kameraleuten, Tontechnikern und Cuttern übernehmen können. Ich denke, es kann sich jeder ausmalen, dass die Akzeptanz dieser Idee einem gewissen Reifeprozess unterliegen sollte. Und dieser Prozess war damals in vollem Gange. Es war also nicht gerade mein Traum als Videojournalist während einer monatelangen Produktion, die mich inhaltlich durchaus forderte, unentwegt die Frage der Sinnhaftigkeit meines Tuns zu diskutieren. Aber genau das, befürchtete ich, würde auf mich zukommen.

Und just in diese Situation hinein erhielt ich die Nachricht, dass Laszlo bei mir für den Ton zum Bild sorgen sollte.

Ich fürchte ich habe verdrängt welche Gedanken mir damals durch den Kopf gingen…

Laszlo und mir war es also bestimmt Zeit miteinander zu verbringen. Viel Zeit. Das Schicksal in Gestalt der Ton-Dispo hatte entschieden.

Beginnen möchte ich die Schilderungen unserer gemeinsamen Arbeit im Zoo mit einer kleinen Geschichte, die vielleicht ganz gut veranschaulichen kann, dass mit Laszlo und mir zwei Menschen in Kontakt gebracht wurden, die von sich aus, vielleicht nur schwer zueinander gefunden hätten.

Kamera, Mikrofone, Lampen, alle Geräte, die wir im Zoo für unsere Drehs so brauchten, funktionierten mit Batterie. Meine Kamera über Akku, das Tonequipment und mein kleines Headligth allerdings komplett über Alkaline AA Batterien. Das heißt, wenn sie leer waren, waren sie leer.

Im Lauf der Zeit sammelten sich Unmengen dieser Teile an. Nun widerstrebte es mir ja schon per se diese kleinen Zeitbomben überhaupt zu verwenden. Da es aber nicht wirklich eine Alternative gabt (Akkus sind zu schwach, brauchen zu lange, um zu laden und werden vom Sender nicht angeschafft), arrangierte ich mich mit der Tatsache meinen Beitrag zur globalen Verschmutzung der Umwelt, um einen Sack voll Alkalines zu vergrößern, achtete allerdings wirklich peinlich darauf, die Dinger wenigsten nicht in den Müll zu werfen, sondern in die dafür vorgesehenen Sammelbehälter.

Da wir die Batterien immer ziemlich früh wechselten, um zum Beispiel Tonaussetzer während wichtiger Drehs zu vermeiden, steckte in den Dingern oft noch richtig Saft. Laszlo hatte mit der Zeit ein simples, aber – zugegeben – sehr effektives System entwickelt die kleinen Rucksackbeschwerer los zu werden. Penetrant fragte er einfach jede und jeden, ob sie oder er nicht Batterien brauchten. Es ist mir leider nicht möglich Laszlos charakteristischen Zungenschlag nachzuahmen, geschweige denn in Schrift zu fassen, aber Verkaufsargument Nummer 1 war stets, dass die Teile „noch 70 Prozent Leistung“ haben. Am Anfang gingen die Dinger weg wie die sprichwörtlichen lauen Brötchen. Jeder hatte eine Fernbedienung oder einen Wecker, der mal eine Frischzellenkur vertragen konnte. Aber wir waren Monate im Zoo. Schon nach ein paar Wochen waren sämtliche Fernbedienungen versorgt und jeder rollte nur noch die Augen, wenn Laszlo was von „70 Prozent“ murmelte. Die Dinger sammelten sich bei uns. Nein, das stimmt nicht ganz. Sie sammelten sich bei mir. Ich hatte bald alle Fächer und Taschen an meinem Rucksack voller kleiner blauer Batterien während Laszlo diesbezüglich weitgehend unbeschwert durchs Leben, respektive den Zoo gehen konnte. Irgendwann kam mir der Verdacht, dass ich als Endlager missbraucht wurde. Ich begann meine Batterien zu zählen und überprüfte in regelmäßigen Abständen die Anzahl der bei mir gelagerten ehemaligen Stromspeicher. Natürlich war mein Verdacht begründet. Nach einem klärenden Gespräch, in dem ich drohte den Tondisponenten zu informieren, war die Sache erledigt. Zunächst.

Es war einige Tage ruhig. Doch plötzlich begann ich an verschiedenen Stellen im Zoo kleine Häufchen blauer Batterien zu entdecken. Putzigen Osternestchen gleich, sammelten sie sich unter Hecken, in Blumenrabatten und unter Parkbänken.

Als ich Laszlo darauf ansprach konterte er kühn: „Musst du draufgucken. Ist Zeichen drauf.  Batterien dürfen nicht in die Mülltonne.“

Vielleicht erklärt sich ja jetzt der Name der Artikelserie: „Laszlos Welt“?

Ich sammelte die Batterien also wieder ein, bot Laszlo an in Zukunft alle leeren Energieträger bei mir zu verwahren, nahm mir vor öfter einen Batteriecontainer aufzusuchen und in Zukunft sehr genau auf die Auswahl meiner Arbeitskollegen zu achten.

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Veröffentlicht in Blackbox TV

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