Bekenntnisse eines tschechischen Tontechnikers – Teil I

„Erkenntnisse über einen tschechischen Tontechniker“ –  vielleicht müsste diese Sammlung von Geschichten, die hier nach und nach entstehen soll, eher so heißen. Denn ich bin weder Tontechniker, noch bin ich Tscheche, noch kann ich dementsprechend als solcher etwas bekennen. Da ich jedoch viele Stunden Gelegenheit hatte den Bekenntnissen jenes Mannes, der hier beschrieben wird, aus erster Hand zu lauschen, finde ich es angemessen meine Eindrücke von ihm als seine Bekenntnisse zu überschreiben.

Doch ehe ich zu Be- oder Erkenntnissen komme, möchte ich von der ersten bewussten Begegnung zwischen Laszlo (das ist sein Name) und mir erzählen.

Zehn Jahre ist das nun sicher her. Und das ist auch der Grund dafür, dass die Erinnerung an manchen Stellen etwas kontrastschwach ist und das ein oder andere Detail vermissen lässt. Was ich hiermit gleich zu entschuldigen bitte.

Ich arbeitete damals in der Redaktion einer Natursendung. Wir zeichneten unsere Moderationen nicht im Studio auf, sondern suchten uns schöne Stellen irgendwo draußen im Grünen. Jeden zweiten Mittwoch brach ein Tross von sieben, acht Leuten auf, darunter natürlich auch ein Tontechniker. Und eines Mittwochs war das Laszlo.

Ich erinnere, dass ich mich zunächst schwer tat mir ein Bild von ihm zu machen. Selbst eher etwas zurückhaltend veranlagt, beobachte ich gern eine Weile, ehe ich glaube mir ein Bild von einem Menschen machen zu können und schließlich zu entscheiden, ob ich auf sie zugehen oder mich ihnen gegenüber lieber im Hintergrund halte möchte.

Ich möchte es vorwegnehmen. Laszlo gehörte zunächst eindeutig zu letzterer Kategorie. Äußerlich wirkte er jugendlich, obwohl er schon damals Mitte Fünfzig gewesen sein muss. Und – er schillerte.

Alle die zur Aufzeichnung mitfuhren trafen sich auf dem Sendergelände, um von dort gemeinsam zum Drehort zu fahren. Er saß im blauen Teamkombi hinterm Steuer und das erste, was mir an Laszlo auffiel, war sein Bart. Er trug ihn nur auf der Oberlippe. Die seitlichen Enden waren zu einer kleinen Spirale gewunden, die, wenn man sie aufgerollt hätte, vielleicht 3 Zentimeter lang gewesen wäre. Ich kannte bis dahin niemanden, der einen solchen Bart trug.

Abgesehen davon fiel mir an seinem Gesicht zunächst nichts Außergewöhnliches auf. Die Nase wirkte irgendwie etwas eingeklemmt zwischen Bart und Stirn. Die Augen lagen tief in den kleinen Höhlen. Die Stirn war kräftig und der Haaransatz schon ein gutes Stück richtig Scheitel gerückt. An den Seiten war das Haar noch voll. Die Farbe muss wohl einmal braun gewesen sein, mittlerweile waren Bart, Brauen und Haupthaar jedoch ergraut. Als er aus dem Wagen stieg merkte ich, dass er nicht sonderlich groß war, eher sogar etwas kleiner als der Durchschnitt. Seine Figur war kräftig und doch irgendwie sportlich, kaum Bauch, kräftiger Rücken und eine aufrechte Haltung.

Wenn ich mich recht entsinne, trug Laszlo damals ein grau gestreiftes Sakko auf einem weißen Hemd, dunkle Stoffhosen und schwarze Lederschuhe. Es war für einen freien Tontechniker des öffentlich rechtlichen Rundfunks keine Sensation auf diese Weise gekleidet zu sein, aber es war auch nicht gewöhnlich. Die oberen drei Hemdsknöpfe standen offen und zwischen Knopf- und Lochleiste war üppige Brustbehaarung zu erkennen.

Um den Hals und sein rechtes Handgelenk trug er je eine Goldkette. Das Gelenk der linken Hand beschwerte eine teure schweizer Uhr. An zumindest einen Ring kann ich mich erinnern. Es war so ein großer, den man zum versiegeln von Briefen benutzen kann. Abgesehen von seinem akurat gepflegten Oberlippenschmuck war Laszlo gut rasiert und duftete nach Rasierwasser. Die Fingernägel waren sauber, hatten die exakt richtige Länge und waren gefeilt, nicht geschnitten. Nicht dass ich das auf Anhieb erkannt hätte, ich sah ihn nur später des Öfteren eine Feile benutzen.

Ja, man sah ihm den Macho an – unzweifelhaft und auf den ersten Blick. Und er gab sich keine Mühe ihn zu verbergen.

An die Aufzeichnung im Schloss erinnere ich mich nur noch vage. – Wie war das noch gleich? Besonders gut im Langzeitgedächtnis verankert sind Momente mit starker emotionaler Beteiligung. Kann gut sein, dass die emotionale Seite bei diesem Dreh ein bisschen zu kurz kam. Wobei ich mich noch sehr lebhaft an die sich kontinuierlich steigernde Spannung innerhalb des Teams erinnern kann. Grund war, dass alles viel länger dauerte als normal. Für gewöhnlich zeichneten wir zwei Sendungen pro Tag auf. An diesem Tag war allerdings eine Soloaufzeichnung angesetzt und wir rechneten damit am frühen Nachmittag zu Hause zu sein. Verkompliziert wurde die Situation dadurch , dass unsere Moderatorin dem Dreh an jenem Tag zugesagt hatte, obwohl ihr Mann Geburtstag hatte (einen runden, glaube ich) und feiern wollte, war sie doch in dem guten Glauben spätestens gegen 2 bei ihm zu Hause zu sein. Es kam anders.

Gänzlich unbeeindruckt von alledem blieben Kamerafrau – und Laszlo.

Bei einer der letzten Moderationen, die Uhr zeigte wohl bereits um die 5 uhr und die Stimmung näherte sich unweigerlich einem Ausbruch, ging es darum, dass die Moderatorin als Schattenriss ihren Aufsager beginnen sollte, um dann hinter dem gespannten Tuch hervorzutreten und als „Realbild“ ihren Take zu beenden. Irgendwie klappte es aber nicht. Zunächst stimmte das Licht für den Schattenriss nicht, dann war das Realbild schlecht ausgeleuchtet. Es dauerte tatsächlich Stunden.

In dieser angespannten Situation, hatte nun Laszlo nichts Besseres zu tun, als sich die Zeit hinter der Schattenwand zu vertreiben.

Solche Schattenwände sind wirklich eine schöne Sache – keine Frage. Und hätte Laszlo ein paar der alten Kinder-Schattenspiele ausprobiert, bei denen die Hände die Silhouette eines Hundes oder eines Krokodils heraufbeschworen, ich bin sicher, man hätte es ihm verziehen. Er allerdings betrieb exzessiv (und ich benutze dieses Wort mit Bedacht) Zungenspiele hinter der Leinwand. Befand man sich vor der Wand (und außer Laszlo befand sich das komplette Team dort) erkannte man das durch seinen speziellen Bart unverkennbare Profil des Tontechnikers, bei dem die Zunge in beeindruckender Schnelligkeit frivole Schattenhandlungen beging. Frisur und Bart gaben dem Ganzen im Schattenriss eine irgendwie diabolische Anmutung.

Ich muss nicht erwähnen, dass sich vor allem die Damen im Team von dieser Aktion nicht sonderlich angetan zeigten.

Über den Rest des Tages hat sich in meinem Gedächtnis der Mantel des Vergessens gelegt. Sicher bin ich nur, dass auch diese Aufzeichnung irgendwann zu Ende ging. Auf der Rückfahrt beruhigte sich die Stimmung im Team und es blieb nur eine ungutes Gefühl, das ich zusammen mit dem Namen Laszlo in meinem Hirn abspeicherte.

Gut fünf Jahre sollte dieses Gefühl geschlummert haben, ehe ich erfuhr, dass ich mit eben jenem Laszlo meinen Sommer verbringen sollte…

P.S. Glückwunsch A. D.!

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Veröffentlicht in Blackbox TV
One comment on “Bekenntnisse eines tschechischen Tontechnikers – Teil I
  1. Juhu, Affenkatzen for President, Lazlo ist der beste Tonmacho ever. Schade das er nichtmehr dabei ist.
    @Martin Sehr schön und bildlich geschrieben, auf was du so alles achtest. Ts, ts, ts…

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