ZUGFAHRT

War kürzlich mal wieder mit dem Zug unterwegs und kann es wirklich nur wärmsten empfehlen. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit Menschen zu beobachten als in einem Großraumabteil der Deutschen Bahn. Ich komme zwar mit den Büchern, die ich auf Zugfahrten gern mit mir herumtrage, selten sehr viel weiter, aber kein Buch hat mir bisher diesen unverstellten Blick in einen lebenden Menschen verschafft, wie es eine dreistündige Zugfahrt zuweilen tun kann.

Ich war auf der Fahrt von Frankfurt/Main Hauptbahnhof nach Hannover. Abfahrt 13:53, Gleis 7 – einer von diesen alten ICE.

Die erste halbe Stunde der Fahrt bin ich meist noch mit mir beschäftigt. Wo ist der reservierte Platz, sitzt vielleicht schon jemand anderes drauf, wenn ja, wie bringe ich der Person schonend bei, dass ich doch gern meinen Platz hätte, obwohl die Hälfte des Abteils noch frei ist. Wenn ich dann sitze, muss die Jacke so arrangiert werden, dass ich zwar keine Hitzewallungen zu erwarten habe, der schlechte Einfluss der Klimaanlage aber von meinem zunehmend empfindlichen Nacken ferngehalten wird. Das Kopfkissen muss in der richtigen Höhe sein – beim Verstellen bloß nicht zu genau hinschauen, welche Körperausscheidungen die Fahrgäste vor mir auf dem Ding hinterlassen haben.

Wenn ich dann sitze, mich auf den Platz eingelassen habe, mein Buch vor mir in den Händen liegt, dann dauert es höchstens noch zwei Seiten, bis ich anfange mich umzusehen.

So war es diesmal auch. Der direkte Nachbar scheidet als Beobachtungsobjekt eigentlich fast immer aus. Wenn der Betreffende nicht gerade fest schläft, so dass ich mich ihm wirklich hemmungslos zuwenden kann, ist die Entfernung einfach zu gering. Man sitzt in so einem Zugabteil ja innerhalb der Fluchtdistanz, die man eigentlich zu einem wildfremden Menschen einhalten möchte. Da geht es natürlich gar nicht, sich der Person zuzuwenden und sie anzustarren. Nein, auf der gegenüberliegenden Seite, zwei Sitzreihen entfernt mit gegensätzlicher Blickrichtung – das ist die ideale Position. Und dann braucht man einfach das Glück, dass da eine interessante Person sitzt.

Ich hatte Glück!

Bereits vor den zwei Buchseiten erregte die Person an eben jener Stelle meine Aufmerksamkeit. Es war eine Frau und sie sprach so laut, dass ich sie problemlos verstehen konnte – obwohl sie ein Stück weg saß. Das erste was ich von ihr hörte war eine Beschwerde über die Temperatur des Kaffees, den sie gerade bei einem der fahrenden Händler erstanden hatte. Er war ihr zu heiß.

Ich blickte auf und sah wie sie ihre Finger um den Pappbecher geschlungen hatte – in einer Art und Weise, wie es Frierende tun, die sich mit einem heißen Getränk aufwärmen wollen. Es waren ungewöhnliche Hände. Die Finger sehr lang, sehr hager und irgendwie – unstet. Der Vergleich ist nicht gerade originell, aber die Finger erinnerten mich sofort an Spinnenbeine; lange, dünne, schnelle Spinnenbeine. Die Spinnenbeingelenke waren dicker als der Rest, deutlich dicker. Vermutlich Zeichen einer Arthrose. Die Haut, die sich über all dem faltete, war im Grundton außergewöhnlich blass. Und dieser blasse Ton unterstützte die fast zudringliche Wirkung der unzähligen Flecken, die sich über die Hände ergossen hatten. In der Mehrzahl waren sie braun, großen Sommersprossen oder hellen Muttermalen gleich. Einige waren allerdings auch hellrot und leuchteten. Trotzdem wirkte die Haut nicht krank. Sie war schlicht so.

Da der Kopf der Frau ähnlich schnell und unstet von einer Seite zur anderen ruckte wie ihre Finger sich bewegten, musste ich zunächst meinen Blick abwenden. Sie sah kurz in meine Richtung und damit es weniger auffiel, dass ich zu ihr gesehen hatte, hüstelte ich und beugte mich dabei etwas nach vorn, um dann konzentriert in mein Buch zu schauen. Nicht um zu lesen, sondern, um nicht als Starrer entlarvt zu werden. Es waren wohl kaum mehr als Sekunden vergangen, da wanderten meine Augen über den blauen Plüsch auf dem Waggonboden erneut zu den gegenüberliegenden Sitzreihen. Der Blauton ihrer Schuhe war etwas dunkler, als der Teppich. Die beiden Farben harmonierten allerdings einigermaßen miteinander, was vielleicht an der etwa drei Zentimeter dicken Kreppsohle lag, die sich trennend zwischen die beiden schob. Zunächst dachte ich die Schuhe seien Clogs. Ich konnte die linke Ferse der Frau erkennen, die leicht gelblich aus dem Schuh herausschaute. Wahrscheinlich war es Hornhaut, die der Fußsohle den gelben Ton verlieh, doch so sehr ich nach Rissen und kleinen Spalten suchte, ich konnte keine entdecken. Erst etwas später, als ich nach einem erneuten Ausflug zu den Seiten meines Buchs auf Schuhe und Füße zurückkam, bemerkte ich, dass es keine Clogs waren. Es waren gewöhnliche Halbschuhe, bei denen das Fersenteil heruntergetreten war.

Was für ein Mensch steckt hinter heruntergetretenen Fersenteilen und Beschwerden über zu heißen Kaffee. In ihrem Gesicht wollte ich es lesen.

Ihre Haare reichten bis etwa auf die Hälfte des Oberarmknochens. Sie waren nicht blond, aber auch nicht grau, vielleicht irgendwas dazwischen und wirkten irgendwie trocken. Einige standen ab und gaben so Fülle vor, die vermutlich gar nicht da war. Immer wieder liefen die Spinnenfinger durch das Geflecht, wollten vielleicht ordnen, hinterließen aber mehr Verwirrung als zuvor. Dennoch: irgendwie passten die Haare wunderbar zu ihrer Haut, ihren Händen und ihren Füßen.

Dann das Gesicht. Ich musste vorsichtig sein. Beim Blick in Richtung der Augen des anderen fällt Starren besonders schnell auf. Ich hob mein Buch, schaute aber links an den Seiten vorbei und war sogleich gefangen von einem Mund, der so rot war wie diese ekligen Kunstkirschen, die manche Konditoren meinen als Dekomaterial oben auf Schwarzwälder Kirschtorten setzen zu müssen und die einem, wenn man nicht aufpasst, die ganze Torte verderben können. Die Lippenfarbe war ebenso absurd wie diese Kirschen, dabei aber auch irgendwie stilsicher. Auf der Gesichtshaut zeigten sich zwar die braunen Flecken, die auch auf den Händen zu erkennen gewesen waren, die roten Male fehlten allerdings. Sie wurden wunderbar durch den Lippenstift ersetzt.

Der fand sich übrigens mittlerweile auch, einen unvollständigen Ring bildend, auf dem Rand des Kaffeebechers. Eine echte Zierde.

Ein Stückchen oberhalb der Lippen rahmte ein waldgrünes Brillengestell blassblaue Augen. Der alte Kinderreim: „Grün und Blau, schmückt die Sau“ kam mir allerdings gerade eben erst, als ich darüber nachdachte, was diese Kombination von Brille und Augenfarbe so verwegen erscheinen ließ.

Die bunte, dabei aber ins Hellrote tendierende Blümchenbluse war förmlich dafür geschaffen eine Verbindung zwischen Kopf mit Lippenstift und Händen mit Kaffeebecher herzustellen. Auch die Art und Weise, wie die Frau schließlich den Becher nach dem Austrinken versuchte zu zerknüllen und in den viel zu kleinen Tischabfalleimer zu stopfen…

Es passte einfach alles zusammen – und wurde fast ein bisschen langweilig.

Mit unsicheren Bewegungen, so als müsste sie an einer komplizierten Schalttafel Knöpfe in einer exakt festgelegte Reihenfolge drücken, hoben ihre Hände den Deckel des Tisch-Abfalleimers und schoben und zwängten die Becherpappe in die Öffnung. Ihr ganzer Körper war angespannt, die Arme weit nach vorn ausgestreckt. Sie tat es mit Besessenheit. Als der Becher verstaut, der Abfalleimerdeckel allerdings noch einen Spalt breit kleffte, beugte sie sich zurück, richtete ihren Körper senkrecht auf, neigte den Kopf wie bei einer Gymnastikübung nach unten und legte ihr Mobiltelefon, das dem Kaffeebecher hatte weichen müssen, genau in die Mitte vor sich. Ihre Finger umschlangen es jetzt in ähnlicher Weise, wie sie zuvor den warmen Getränkebecher umschlungen hatten.

Ich hatte genug gesehen.

Ich drehte mich ein Stück, richtete meine Augen auf das Buch in meiner Hand und spürte dabei, gerade als ich die richtige Zeile gefunden hatte, dass ich beobachtet wurde…

Advertisements
Tagged with: , , , , , ,
Veröffentlicht in Kurz erzählt
One comment on “ZUGFAHRT
  1. streawkceur sagt:

    Ich reise ungern. Sehr ungern. Jedenfalls mit der Bahn. Besonders in diesen Großraumabteilen, in welchen einem jede Privatsphäre genommen wird und man den Blicken Anderer schutzlos ausgeliefert ist.

    So wie neulich.

    Im ICE nach Hannover.

    ER ist mir gleich aufgefallen. Mit seinem Profil. Mit einem Blick, der an Ulrich Wickert zu seinen Anfangszeiten bei den Tagesthemen erinnert – scharf und aus tiefen Augenhöhlen, der schlechten Beleuchtung wegen.
    Suchend und fast ängstlich blickt er sich um, bis er schließlich seinen Sitzplatz erblickt. Ein Stein scheint ihm vom Herzen zu fallen, als ob er froh wäre, dass nicht schon jemand auf seinem Platz sitzt.
    Er beginnt seine Reiseutensilien zu ordnen. Ein Koffer mit anscheinend schützenswertem Inhalt (technisches Gerät?) wird sorgfältigst auf die Ablage in Kopfhöhe platziert und eine Reisetasche so drapiert, dass der Koffer nach allen Seiten eingeklemmt ist und auch nicht bei einer seitlichen Notbremsung des ICE aus der Gepäckaufbewahrung herausfallen kann. Als ob sein Leben davon abhinge…
    Nachdem die Gepäckstücke versorgt sind, geht es nun um das eigene Wohlbefinden. Das erste Opfer: Die Jacke. Eigentlich zieht man seine Jacke in der klimatisierten Bahn aus und legt sie zu den Gepäckstücken. Doch nicht bei IHM. Es beginnt der Initiationsritus des Sich-bequem-Machens: Ein Zupfen hier, ein Ziehen da, gefolgt von einem Glattbügeln einer imaginären Falte und einem erneuten Hinsetzen und Sich-zurecht-Rücken in den Sitz und einem beidseitigem Glattziehen der Jacke am Bund. Zwischendurch immer wieder Korrekturen am mannigfaltig verstellbaren Stuhl, um die optimale Sitz- bis Liegeposition herzustellen. Ich fühle mich unfreiwillig an Mr. Beans Besuch beim Zahnarzt erinnert, als er den Zahnarztstuhl in alle möglichen Positionen bringt. Doch mit Jacke-Zupfen allein ist es hier nicht getan. Auch das Kissen an der Kopflehne muss sitzen. Und bis die richtige Position gefunden ist, kann es schon mal dauern. Und zwar so lange, dass mein Kaffee in der Zwischenzeit kalt geworden ist und ich mir einen weiteren Becher beim Zugbegleiter ordere.

    Seine Sitzpositionfindungsprozedur scheint abgeschlossen zu sein und er ist nun wohl auch in sich gegangen, hat er sich seit zwei Minuten doch nicht mehr bewegt. Die Sitzposition scheint ideal zum Meditieren zu sein! Und auch zum Lesen, denn nun holt er sich ein Buch aus seinem Rucksack und beginnt mit der Lektüre.
    Während ich versuche, mir meine kalten Finger an dem viel zu heißen Kaffee zu wärmen, lasse ich meine Blicke durch das Zugabteil schweifen. Als ich dabei zu IHM herüberblicke, treffen sich unsere Blicke.
    Er schaut schnell weg und hüstelt verlegen und widmet sich augenscheinlich wieder seinem Buch. Ein klares Zeichen dafür, dass er mich schon länger beobachtet hat. „So einer ist das also?!?“ Ob das Buch nur Tarnung ist, um andere Leute zu beobachten? „Das kriege ich raus!“ denke ich mir und nippe erst einmal an meinen mittlerweile abgekühlten Kaffee.
    Nach weiteren fünf Minuten des Herumblickens bin ich nicht wirklich mit meinem Vorhaben weitergekommen und es scheint wirklich so, als ob er sich voll und ganz den geschriebenen Zeilen widmet. Aber da! Schaut er da nicht gerade wieder in meine Richtung? Oder erliege ich da einer Sinnestäuschung, weil er den Kopf nach vorne hält und seine Augen aufgrund der absonderlichen Beleuchtung im Dunkeln liegen?
    Als ich den restlichen Kaffee austrinke, verharrt mein Blick am Außenfenster, in dessen Spiegelung ich meine Mitreisende erblicke, die gerade in ihrem Buch blättert und mir kommt sofort die zündende Idee.
    An der Ausführung hindert mich zwar erst einmal die Deutsche Bahn und deren Service, aber auch in nicht geleerten Abfallbehältern ist immer noch etwas Platz, in welchen ich meinen geleerten Pappbecher mit besonderem Nachdruck entsorgen kann.
    Nachdem ich mir so Platz auf dem Tisch geschaffen habe, lege ich meine Handtasche auf den Tisch und nehme mir meinen Schminkspiegel. Aufklappen. Reinschauen. Alles perfekt! Beim Überprüfen mal kurz unauffällig hinüber schauen.
    Da! Er hat schon wieder rübergeguckt, ist aber immer noch in angeblicher Lesehaltung. Dir helf ich! Winkel einstellen und den Schminkspiegel eher beiläufig auf die Handtasche legen, aber in Position.
    Nun brauche ich nur noch mein Handy. Ein bisschen unwohl fühle ich mich dabei schon, aber schließlich siegt meine Neugier. Ausserdem glotzt man mich nicht ungestraft an! Die Kamerafunktion einschalten und auf den Spiegel zoomen und dann werde ich ja sehen, ob ER UMBLÄTTERT…

    Tja Oedi, wie gehts nun weiter?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: