Urlaub III

Jeder Urlaub geht zu Ende – die schönen besonders schnell. Wir waren also auf der Heimfahrt, hatten wunderbare Wochen irischer Ursprünglichkeit hinter uns, verlebten einen herrlichen Tag und eine aufregende Nacht in Liverpool, schifften uns in Dover ein und fuhren wehmütig zurück auf´s Festland.  Und just dort, an der Küste Calais, mit dem Betreten französischen Bodens, nahm sie ihren Anfang, meine Abneigung gegen unsere südwestlichen Nachbarn.

Aus heutiger Sicht muss ich gestehen, dass die Wurzeln der Antipathie sicher weiter zurückreichen. Tief hinein in meine Schulzeit, als ich pickelig und hormonell fehlgesteuert so allerhand merkwürdige Dinge tat -allein zu dem Zweck das vormals unbeachtete andere Geschlecht zu beeindrucken. Ob  nun durch das Öffnen von Bierflaschen mit den Zähnen oder durch das Ausboxen von Straßenlaternen, die Wirkung beschränkte sich in erster Linie auf kleinere körperliche Versehrtheiten meinerseits. Der angestrebte bleibende Eindruck beim weiblichen Geschlecht war dagegen gering.

In jener Zeit verlangte es der Lehrplan von mir, mich der französischen Sprache zu widmen. Außer der durchaus ansehnlichen Lehrerin streiften die Unterrichtsinhalte nicht im Geringsten meine Interessen. Die unbekannten Worte wollten mir nur ungelenk über die Lippen, zumal mir Klang und Gehabe irgendwie „schwul“ vorkamen. Und damit wollte ich damals nun wirklich in keiner Weise in Verbindung gebracht werden. So kommt es, dass ich heute (obwohl mit einer Lehrerin für Französisch verheiratet) nur einen einzigen Satz dieser Sprache beherrsche – und der ist nun wirklich nicht der Rede, geschweige denn dem Geschreibe wert.

Doch zurück zu unserer Ankunft auf dem französischen Festland. Sowohl mein Freund, als auch ich waren der Sprache des Landes, dessen Boden wir an jenem Donnerstag betraten, nicht mächtig. Kein Problem, wollten wir doch nur eine Nacht auf dem Campingplatz verbringen und am nächsten Morgen zurück nach Deutschland reisen. Unser Aufenthalt verlief reibungslos, wir lernten ein paar nette Engländer kennen, die neben uns campierten und packten am nächsten Morgen Zelt und Kocher in unseren Suzuki. Just in dem Moment, da wir den Zündschlüssel drehten, entdeckten wir, dass unser Gefährt ein Problem hatte. Die Ölkontrolllampe warnte uns die Fahrt fortzusetzen, ohne nicht vorher den Stand der schmierigen Flüssigkeit angehoben zu haben. Die Vermutung, dass die Lampe eine Fehlfunktion hatte, stellte sich beim Herausziehen des Ölmessstabes als Irrtum heraus. Der Stand war unterhalb des angezeigten Minimalwertes und bei Weiterfahrt ohne Gegenmaßnahmen drohte der Kolbenfresser. Wir waren also dazu verdammt mit den Ureinwohnern in Kontakt zu treten. Wir ließen unseren Suzuki zurück und machten uns auf die Suche nach einer Autowerkstatt, einer Tankstelle oder einem fliegenden Motorölhändler. Nach gut einer halben Stunde Fußmarsch wurden wir fündig. Eine Tankstelle mit angeschlossener Werkstatt. Wir gingen hinein und bemerkten unverzüglich die Sprachbarriere, die uns den Weg zur Ölquelle zu versperren drohte. Wir konnten kein Französisch, unser Gegenüber wollte oder konnte unsere deutschen und englischen Versuche nicht verstehen. Gestenreich schilderten wir einer gelangweilt blickenden, dunkelhaarigen Frau mittleren Alters unser Problem und schafften es tatsächlich, sie an ein herumstehendes Auto zu lotsen. Wir demonstrieren ihr anhand des Öleinfüllstutzens was unserem Gefährt so dringend fehlte und – oh Wunder – sie verstand. Bereits nach Sekunden kam sie mit einer Flasche Motoröl zurück und zauberte ein Lächeln auf unsere Gesichter. Es hielt nicht lange an! Die Frau bat uns zur Kasse, kritzelte eine Zahl auf ein Blatt Papier und als wir unsere Geldbörsen zogen wurde uns klar, dass wir in jenen Vor-Euro-Zeiten mit dem Grenzübertritt auch den Währungsbereich gewechselt hatten und nun weitgehend ohne Landeswährung dastanden. Für den Campingplatz hatte die paar Franc, die wir hatten, gerade noch gereicht, für das Öl reichten sie nicht. Wir konnten nicht bezahlen, mussten also erst zu einer Bank, um deutsches oder englisches Geld zu tauschen.

Wie schon erwähnt, kamen wir an einem Donnerstag auf französischem Boden an, verbrachten eine Nacht auf dem Campingplatz und hatten uns dementsprechend an einem Freitagmorgen auf Ölsuche begeben. Nun schläft man ja im Urlaub gern ein bisschen länger, das Zusammenpacken hatte eine Weile gedauert, der Fußmarsch zur Werkstatt und die nonverbale Kommunikation mit der dunkelhaarigen Werkstattinsassin auch. Es war gegen halb Zwölf als wir uns auf den Weg in die Stadt und auf die Suche nach einer Bank machten. Eine Viertelstunde später wurden wir fündig. Auf einem kleinen Marktplatz in der Ortsmitte stand die durchaus imposante Zweigstelle eines namhaften Geldinstituts. Wir wollten eintreten – und fanden die Tür verschlossen. Ungläubig suchten wir nach einem Aushang der Öffnungszeiten. Zwölf Uhr, stand da und bis dahin waren es noch gut und gern Vierzehn Minuten. Wir trommelten gegen die Tür, versuchten uns bei den im Schalterraum befindlichen Angestellten bemerkbar zu machen, drücken unsere Nasen gegen die Scheibe und gestikulierten, dass wir doch nur ein bisschen Geld umtauschen wollten. Vergeblich. Die Tür blieb zu. Bei einem erneuten Überprüfen der Öffnungszeiten stellten wir fest, dass die Bank auch am Samstag und Sonntag geschlossen bleiben sollte und am Montag ein Feiertag anstand. Am Dienstag um 9.00 Uhr, also in schlappen 93 Stunden und mittlerweile 12 Minuten, würde die Bank ihre Tore wieder öffnen.

Es war damals die Zeit des ersten Golfkrieges. Mein Freund und ich waren Pazifisten, ich trug lange Zeit während meines Zivildienstes in der Kirchengemeinde eine weiße Armbinde, um gegen den Krieg zu demonstrieren (übrigens nicht ohne das Missfallen meines zuständigen Dienstherren, des Gemeindepfarrers, auf mich zu ziehen), aber an diesem Tag begann die rückhaltlose Zustimmung zu der Parole „Kein Blut für Öl“ ganz sachte zu bröckeln.

Was sollten wir tun? Die Bankangestellten ließen uns nicht mehr rein.
Wir entschieden uns zur Autowerkstatt zurück zu kehren, dort die Situation zu schildern, auf das Verständnis der Dunkelhaarigen zu setzen und sie davon zu überzeugen, dass wir ausnahmsweise mal mit englischem Geld bezahlen dürften. Wir marschierten also zurück, spielten auf dem Weg kurz die Pantomime durch, die wir gleich aufführen wollten und schöpften wieder etwas Hoffnung. Meine Güte, der Krieg zwischen den Ländern war lange vorbei, wir waren doch Nachbarn und Nachbarn helfen einander…

Nein, tun sie nicht. Zumindest nicht in diesem Fall. Wir bettelten, schimpften, offerierten unsere Arbeitskraft und boten horrende Summen in englischen Pfund und harter deutscher Mark – es half nichts. Die Dunkelhaarige blieb hart. Auf dem Rückweg ergingen wir uns in Gewaltfantasien, schworen uns nie wieder einen Fuß auf französischen Boden zu setzen und unter gar keinen Umständen mehr auch nur einen Schluck Bordeaux zu trinken.

Zurück auf dem Campingplatz bauten wir mit finsteren Minen und unter den irritierten Blicken unserer englischen Platznachbarn, unser Zelt wieder auf, packten den Kocher aus und erhitzten unsere letzte Dose vegetarische Ravioli. Irgendwann später, als die Ravioli unsere Mägen gefüllt und unsere Züge etwas erweicht hatten, kamen die Engländer zu uns rüber und wollten wissen, warum wir noch da waren. Wir erzählten die Geschichte, ohne dabei an unverhohlener Franzosenkritik zu sparen. Als wir fertig waren, zog einer der Engländer seine Brieftasche und fragte, wieviel Pfund wir denn tauschen wollten.

Wir sind dann ganz bewusst zur selben Autowerkstatt gegangen, haben schweigend die Franc-Scheine auf den Tresen geknallt und sind absolut gruß- und gestenlos mit unserem Öl abgezogen…

 

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Veröffentlicht in Privat!
2 comments on “Urlaub III
  1. Ich mag die Franzosen auch nicht aber meine Französischlehrerin sah auch nicht wirklich gut aus vermutlich liegt es daran.
    Dein Erzählstil gefällt mir dagegen sehr gut.
    Ich frage mich nur die ganze Zeit schon welchen Satz du wohl noch auf französisch kannst! Er hat ja anscheinend zumindest genug Überzeugungskraft für eine Französischlehrerin gehabt.
    Gruß Oliver

    • „Je vous tres bien un truc comme ca!“ (wahrscheinlich fehlen hier und da Buchstaben oder es sind zuviele oder es mangelt an diesen kleinen tückischen Häkchen, die die Franzosen überall anbringen – aber ich muss ihn ja auch eigentlich nicht schreiben, den Satz). Jedenfalls muss man dann auf das zeigen, was man gerne haben möchte. So kann man in Frankreich zumindest überleben. Den Satz habe ich allerdings erst später gelernt und ich fürchte, um meine Frau zu erobern, hätte er auch nicht gereicht…
      Grüße zurück!

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